(C) Pyt Kramer

DOPPELFORMEN BEI EINSILBIGEN VERBEN
In: A Frisian and Germanic Miscellany. Published in Honour of Nils Århammar on his Sixty-Fifth Birthday, 7 August 1996. Edited by Adeline Petersen and Hans F. Nielsen, Odense/ Bredstedt (Nowele vol. 28/29, S. 213-222).

Der aufschlußreiche Aufsatz von Meijering (1990) über monosyllabische Infinitive auf -n gibt mir die Möglichkeit, näher auf einen anderen Aspekt dieser Einsilbler einzugehen. Dabei wird auch der Siebschen Erklärung des Endungs-n einige Aufmerksamkeit gewidmet.

Wenn man die Paradigmen der einsilbigen Verben im Saterfriesischen (Sfr.) und im Westfriesischen (Wfr.) vergleicht, dann ergeben sich beträchtliche Unterschiede. Sehen wir uns das einmal am Beispiel 'tun' an (die rechte Spalte gibt das Mittelwestfriesische von Gysbert Japicx aus dem 17. Jh. wieder):1

I.   sfr. wfr. mwfr.
         
Infinitiv   (ik kon dät) dwoo dwaan dwaen
Gerundium   tou dwoon te dwaan to dwaen (GJW:7)
Präs. Sg. 1. ik dwoo ik doch dog
  2. du dääst do dochst deste
  3. (hi) däd (hy) docht det
  Pl. (wi) dwoo, dwoo-e (wy) dogge dogge
Imperativ Sg. dou doch dog (GJW:50,133)
  Pl. dwood doch  

Bemerkenswert ist zunächst, daß sich im Westfriesischen die Präsensformen doch-, dog- [dox, dop] durchgesetzt haben, während das Saterfriesische sich näher an das Altfriesische (afr.) anlehnt.2 Zweitens erscheint dog- im Mittelwestfriesischen nur in der 1. Sg. und im Pl. (sowie im Imperativ), wo die altertümliche Mundart des Städtchens Hindeloopen dwaen hat (Hof 1947:83). Außerhalb des Westfriesischen findet sich doch- im Imperativ im Mittelniederländischen doch, doech neben doe (Franck 1910:114f, 141) und im Groningischen in den Formen duch, Pl. ducht neben dou, dout (ter Laan 1929:182). Im Westflämischen erscheint g in allen Formen des Verbs (Knop 1940:53).

Knop (1940) erklärt die friesischen doch-Formen mit einem w-g Wechsel in afr. *dova < *dûwa aus afr. dua 'tun', letzteres mit ursprünglich zweisilbiger Aussprache. Den gleichen Lautwandel findet er in seiner West-Terschellinger Mundart (WTersch.) im Präs. Pl. jògge 'geben' aus afr. iova. Ohne Übergang des vokalischen w zum Reibelaut hätte das saterfriesische dwoo etwa *doue lauten müssen, eine Form, die zum Imperativ Sg. dou [d]u, dou] passen würde. Die volle Form doue gibt es im Nordfriesischen. In der Mooringer Mundart lauten die entsprechenden Formen (Tams Jörgensen 1955:122 und 1972:32, Sjölin 1988:57f, Petersen 1973:83, Siebs 1889:229):

II.   'tun' und ähnlich: 'sehen'
         
Infinitiv   düünj   siinj
Gerundium   tu douen   tu siien
Präsens Sg. 1. ik dou   ik sii
  2. dü dääst   dü schuchst
  3. (hi) deet   (hi) schucht
  Pl. (we) doue   (we) siie
Imperativ   dou    

Für das Halligfriesische nimmt Löfstedt (1928:143) die (in etwas vereinfachter Schreibweise wiedergegebene) Akzentverschiebung dôan > duân > duôn > dûn > düün an, eine Entwicklung die mit dô-a(n) > dû-a(n) > dû > dâu(e) nicht auftrat für die Wiedingharder Form dâue (Löfstedt 1928:101, 144) ebensowenig wie im Inselnordfriesischen (Århammar 1995:80). Es wird sich deshalb auch beim Mooringer dou- um eine Akzentverschiebung handeln gegenüber düünj,3 das nach Löfstedts Auffassung auf eine mit dem saterfriesischen dwoo(n) gemeinsame Vorstufe zurückzuführen ist. Während sich also in der einen nordfriesischen Mundart düün durchgesetzt hat und in der anderen dâue, zeigt die dazwischen liegende Mooringer Mundart mit düünj und doue beide Formen, und zwar mit funktionaler Distribution.4

Wir können also einen deutlichen Konkurrenzkampf zwischen den lautgesetzlichen einsilbigen (dwaan, dwoo, düünj) und den abweichenden zweisilbigen Formen (dogge, doue) beobachten, wobei letztere übereinstimmen mit den 'gewöhnlichen' zweisilbigen Verben (z.B. sfr. wi bruke 'wir brauchen'). Es liegt darum auf der Hand anzunehmen, daß die zweisilbigen Formen durch Analogie zu den übrigen zweisilbigen Verben entstanden sind. Hierfür würde auch die saterfriesische Nebenform dwoo-e sprechen.

Die gleiche Verdoppelung wie bei düünj / doue erscheint im Mooringer Nordfriesisch bei siinj / siie (s. oben II.), slüünj / sloue 'schlagen', tüünj / toue 'waschen', füünj / foue 'bekommen', tiinj / tiie 'ziehen', fliinj / fliie 'fliegen', schiinj / schaie 'geschehen' (mit ê-a nach Löfstedt 1928:144).

Neben dwaan / dogge hat auch das Westfriesische eine Reihe von Verben mit ähnlichen Doppelformen, die sich distributiv jedoch weitaus komplizierter verhalten als die teilweise entsprechenden Mooringer. Ich nenne hier die Infinitiv- und Präsens Pluralformen sjen / sjogge 'sehen', tsjen / tsjogge% 'ziehen', fleane / fljogge# 'fliegen', slaan / slagge# 'schlagen', jaan / jouwe 'geben', gean / gonne# 'gehen', stean / stanne# 'stehen'. (% veraltet, # nur dialektisch, vorallem Nordkleifriesisch, nach Hof 1947 und nach eigene Erinnerung).

Eine Sonderentwicklung zeigt afr. fliaga 'fliegen', das im Wfr. lautgesetzlich zu *fljeage hätte werden müssen. Weil aber die Lautfolge ljea nicht stabil war (vgl. leaf statt *ljeaf / WTersch. jeaf, lige statt *ljeage usw.), wäre *fleage zu erwarten gewesen. Diese Form hätte aber Anlaß zur Verwechslung mit dem Prät. Pl. fleagen ergeben können. Einen Ausweg bot in diesem Fall das bedeutungsähnliche afr. flia 'fliehen' (Siebs 1889:304) das wfr. *flea schließlich fleane ergeben konnte und heutzutage nur noch in die Bedeutung 'fliegen' vorkommt. Dabei neige ich im Gegensatz zu Siebs zu der Annahme, daß zumindestens das n- stark von stean, gean beeinflußt worden ist. Das Endungs-e dagegen wird auf das alte fliaga zurückzuführen sein..

Außerdem wird fliaga die Bildung von fljogge aus der Präs. Sg. 3. fljocht unterstützt haben. Entspechend sind dann wohl sjogge, tsjogge% und slagge aus den Formen der 3. Sg. Präs. sjocht, tsjocht% und slacht gebildet worden. Auch in dem Mooringer fliinj 'fliegen' steckt nach Löfstedt (1931:121) afr. flia. Zur Unterstützung seiner These weist er auf die Notwendigkeit eines formalen Zusammenfalls von flia und fliaga in der 2. und 3. Sg. Präs. und der Präteritalformen im Altnordfriesischen..

Der westfriesische Präs. Pl. jouwe entspricht der Nebenform jowa neben afr. jewa, ieva 'geben' (Siebs 1901:1194). Der Inf. jaan entstammt aber nach Siebs (1901:1195) einem anderen Verb, nämlich afr. 'zugestehen'. Siebs vermutet auch hier Bedeutungszusammenfall und bestreitet die von van Helten (1892:391ff.) vertretene Auffassung, es handele sich um eine Analogie mit gân und stân. Meiner Ansicht nach wird aber eine direkte Analogie mit dem Paar *douwe < *dova / dwaan die Hauptrolle gespielt haben, wobei noch ungeklärt bleibt, warum sich nicht wie im WTersch. jouwe > *jogge durchgesetzt hat.

Besondere Probleme ergeben sich bei den wfr. Formen für

III.   'gehen' und 'stehen'
         
Infinitiv   gean   stean
Gerundium   te gean   te stean
Präs. Sg. 1. ik gean / gon#   ik stean / stan#
  2. do giest / gost#   do stiest / stjist#
  3. (hy) giet / got#   (hy) stiet / stjit#
  Pl. (wy) geane / gonne#   (wy) steane / stanne#
Imperativ   gean / gon#   stean / stan#

Dabei möchte ich vorallem auf die nordkleifriesischen Formen gon- [gon] und stan- [st]n] eingehen.5 Stanne entspricht völlig afr. stonda (sfr. stounde, nfr. stönje), während gonne sich nur vom Nasal her unterschiedet von sfr. und Mooringer nfr. gunge aus afr. gunga. Gean und stean stimmen mit afr. gân und stân überein, die fast nur im Westfriesischen auftreten (von Richthofen 1840B:788,1051). Bemerkenswert dabei ist das Nebeneinander von gonge, stande im Präs. Pl. und gân, stân im Infinitiv und Gerundium (schön illustriert im Schulzenrecht mit 'hit ne stande aen stedis ouere' neben 'soe schil hi ... oen stride staen' auf derselben Seite; von Richthofen 1840A:389). Die gleiche Distribution gilt, abgesehen vom Konjunktiv, auch heute noch im Nordkleifriesischen. In dem von Gysbert Japicx benutzten südwestlichen Dialekt waren stan und gong aber schon beschränkt auf Imperativ (GJW:12,15) und der 1. Sg. Präs. (GJW:101,24), während stean und gean im Infinitiv und steane und geane im Präs. Pl. erscheinen (GJW:98, 127).

Gegenüber dieser Vielfalt weisen die einsilbigen Verben des Saterfriesischen eine größere Regelmäßigkeit auf. Dasselbe Muster wie bei dwoo / däd zeigt sich auch bei sjoo / sjucht 'sehen', 'sieht', tjoo / tjucht% 'ziehen', 'zieht', geschjoo / geschjut% 'geschehen', 'geschieht', sloo / slacht, 'schlagen', 'schlägt', mjoo / mäint 'mähen', 'mäht', kjoo / kräit 'krähen', 'kräht' (kjoo wird heutzutage ersetzt durch kräie). Im Wangeroogischen ist die Lage in dieser Hinsicht mit 'tun' grundsätzlich die gleiche wie im Saterfriesischen (Ehrentraut 1849:37 mit Hilfe von Remmers 1993:30).

Jetzt kommen wir zum Endungs-n. Meijering betrachtet das Anhängen des -n an die Infinitive dwaan, jaan, slaan, sjen, tsjen als wesentliches Unterscheidungsmerkmal des Westfriesischen gegenüber dem Ostfriesischen (z.B. wfr. dwaan gegenüber sfr. dwoo). Van Helten (1890:241) folgend erklärt er die n-Form als Analogie zu gân und stân. Er hat festgestellt, daß die Formen gân und stân überraschenderweise in denselben altfriesischen Handschriften (nämlich den westlichen) vorkommen wie die Gruppe der einsilbigen Verben mit angehängtem -n.

Nach Siebs (1901:1333) läßt sich für das Anhängen des -n aber noch eine zweite Erklärung finden. Eine Gegenüberstellung der saterfriesischen und der westfriesischen Paradigmen von 'tun' wie unter I. läßt sofort erkennen, daß der Infinitivstamm (dwoo-) im saterfriesischen Paradigma viel stärker vertreten ist als der entsprechende Stamm (dwaa-) im westfriesischen. Die n-lose Infinitivform hatte also im Westfriesischen eine viel schwächere Position gegenüber dem Gerundium als im Saterfriesischen. Ein möglicher Einfluß von gân und stân wird dadurch zumindest verstärkt worden sein. Außerdem wurden die einsilbigen Formen durch Anhängung des -n verlängert und damit denen der zweisilbigen Verben ähnlicher.

Das Interessante daran ist aber, daß dem Entstehen der sekundären n-Infinitive im Westfriesischen eine Entwicklung zugrunde zu liegen scheint, die den Theorien beider Forscher gerecht wird, eine Wechselwirkung zwischen Analogiebildungen (van Helten) und vorherrschenden Paradigmaformen (Siebs). Begünstigte nämlich die Analogie mit den zweisilbigen Verben das Auftreten von Doppelformen wie dogge neben dwaen, so wird Analogie nach diesen Doppelformen wiederum ein verstärktes Aufnehmen von gân und stân neben gonge und stande bewirkt haben. Zunächst begegnen wir den einsilbigen Formen gân und stân im Westfriesischen nämlich nur im Infinitiv, während die alten zweisilbigen Formen sich im Präsens halten. Eine solche Differenzierung ist bis heute im Nordkleifriesischen erhalten geblieben, wodurch dieser Dialekt sich anscheinend einem viel älteren Stadium der meisten westgermanischen Sprachen anschließt (van Wijk 1912:655 unter staan, Kluge 1975:743 unter stehen). Dabei erscheinen gân- und stân- im Altniederdeutschen selten und nur im Infinitiv oder Gerundium (Holthausen 1900:176). Ein Beweis für die Bodenständigkeit der einsilbigen Infinitivformen gân und stân im Westfriesischen wird dadurch aber noch nicht erbracht.

Der wahre Grund liegt meines Erachtens vielmehr in der starken Neigung zur Analogisierung (Systemzwang) im Westfriesischen (Siebs 1901:1173), während das Saterfriesische und in etwas beschränkterem Maße das Nordfriesische die lautgesetztlichen Formen bewahren. Die Ursachen der unterschiedlichen Entwicklung im Glauben zu suchen oder den Einfluß des Hochdeutschen dafür verantwortlich zu machen, scheitert daran, daß die sprachlichen Unterschiede zwischen dem West- und Ostfriesischen sich schon in den altfriesischen Handschriften des 15. Jahrhunderts abzeichnen. Außerdem ist der saterländische Raum schon im 16. Jahrhundert recht stark durch den Protestantismus geprägt worden (Kramer 1994:20).

Für die ungleich starke Analogisierung in den verschiedenen Mundarten wage ich es deshalb, eine andere Erklärung zu geben. Das Nordfriesische zerfällt in viele sehr unterschiedliche Mundarten, und dasselbe gilt nach den Zeugnissen jetzt ausgestorbener Mundarten (Emsfriesisch, Harlingerländisch, Wangeroogisch, Wurster-Friesisch) für das jüngere Ostfriesische. Das Westfriesische aber ist eine scheinbar nur schwache Dialektunterschiede aufweisende Einheitssprache.

In meinen Aufsätzen über die Auflösung des Altfriesischen (Kramer 1989, 1990) habe ich skizziert, wie die Sprache im 15. Jh. durch massenhaft einströmende Lehnwörter aus den Nachbargebieten in eine phonologische Notlage geraten sein könnte. Infolgedessen zerfiel das Altfriesische in vielen Teilmundarten. Es bleibt aber zu erklären, weshalb ein solches Ereignis nur das ost- und nordfriesische Sprachgebiet getroffen haben sollte, nicht aber das westfriesische.

Tatsächlich gibt es im Westfriesischen die Sondermundarten von Hindeloopen, Schiermonnikoog und Terschelling, die untereinander und gegenüber dem Standard-Westfriesischen dieselben großen Unterschiede aufweisen wie sie im Ost- und Nordfriesischen vorkommen. Das heutige Westfriesisch wäre demnach eine Rekonstruktion6 auf der Grundlage der etwas älteren Dialekte. Im Saterfriesischen sähen wir dann gleichsam 'die alte Eisdecke', während im Westfriesischen 'die Schollen zu einer neuen Eisfläche zusammengefroren' wären.

Die Vielheit der Mundarten führte dann im Westfriesischen zur Verwirrung, die die Voraussetzung schuf für Analogiebildungen. Dadurch könnte einerseits eine Reihe besonderer Verbalformen beseitigt (z.B. Siebs 1901:1308) und andererseits das System der Doppelformen bei den einsilbigen Verben generalisiert werden. Was das Nordfriesische betrifft, fällt es auf, daß die Doppelformen nur in der zentralen Festlandsmundart, das Mooringer Friesisch auftauchen (vergl. Johannsen 1956:46ff.). Offenbar hat es dort auch Ansätze zu einer ähnlichen Rekonstruktion gegeben, die sich aber nicht über größere Gebiete hat durchsetzen können. Im ostfriesischen Raum dagegen wird sich das Niederdeutsche wohl so schnell verbreitet haben, daß die übriggebliebenen Mundarten in einer Insellage gerieten. Das gilt wenigstens für die best überlieferten Mundarten des Saterlandes und der Insel Wangerooge wie offenbar auch für die heutigen westfriesischen Sondermundarten.

Zusammenfassung

Die Paradigmen der einsilbigen Verben im Westfriesischen und im Mooringer Nordfriesisch zeigen Doppelformen, die im klassischen Altfriesisch und im Saterfriesischen fehlen. Es wird sich hier um eine analogische Anpassung an den zweisilbigen Verben handeln, die dann im Westfriesischen auch zur Anhängung des -n im Infinitiv geführt hat. Die Analogisierungstendenz ist vielleicht als Reaktion auf eine starke, phonologisch bedingte dialektale Zersplitterung des Altfriesischen zu sehen. Auf diese Weise wird sich das Westfriesische zu einer neuen Spracheinheit rekonstruiert haben. Daß sich diese Studie auf der Grundlage der unausgesprochenen Arbeitshypothese ausarbeiten ließ, es habe ein homogenes Urfriesisch gegeben, wird der Jubilar sicherlich freuen (vgl. Århammar 1995:77).

Der Autor dankt Adeline Petersen für eine verbesserte Fassung des deutsche Textes.

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1. Für das Saterfriesische vergleiche man Siebs 1901:1306-1339, Fort 1980:203-221 und Kramer 1992:455_458, 1982:31-40, für das Westfriesische: Sipma 1949: 26-43 und Hof 1947, für das Mittelwestfriesische: GJW mit Hilfe des Indexes von Dykstra 1993 und Hof 1947, für das Altfriesische: von Richthofen (1840B), van Helten 1890:205-241 und Siebs 1901: 1306-1339.

2. Zwar mit lautgesetzlich â > oo (Siebs 1901:1387), wobei in der 1.Pl. dwâth das -th nach Siebs 1336 abgefallen ist. Die als Analogie der 2. und 3. Pers. entstandene 1.Pers. Sg. dwê im Altfriesischen (ibid. 1333) hat sich offenbar im Saterfriesischen nicht durchgesetzt.

3. Ein bodenständiges -nj wird angenommen von Johannsen 1956:46ff., der auch weitere Literatur heranzieht. Meine Schlußfolgerungen werden dadurch nicht berührt, denn die gleichen Faktoren, die meines Erachtens eine erneute Anhängung des -n begünstigten, hätten auch für Erhalt eines ursprünglichen -n gewirkt.

4. Adeline Petersen bestätigte mich brieflich das Fehlen von Doppeltformen in der Wiedingharde und auf den Inseln. Die Nordergoesharder Doppelformen siin / saie 'säen' sind ihrer Ansicht nach als Variante ohne spezifische syntaktische Distribution zu betrachten. Die verschiedenen nordfriesischen Formen sind jetzt leicht zugänglich in Wilts 1993ff.

5. Diese galten aber in meinem Elternhaus in Stiens nicht als 'salonfähig'. Stattdessen wurden gjin-, stjin- bevorzugt.

6. Der Terminus 'Rekonstruktion' ist hier dem Spezialbereich der Kristallographie entnommen. Dort bezeichnet er den langsamen Übergang eines Kristalls zu einer neuen stabilen Struktur, nachdem diese vorher gestört worden ist, z.B. durch Druck von außen. Es ist also nicht eine bewußte Handlung damit gemeint.

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[Anmerkung: sämmtliche â, ê, ô und û sind als a, e, o und u unter liegendem Strich zu lesen.]